

Über 130 Besucher, die voller Vorfreude und in ausgelassener Stimmung auf Mord und Totschlag warten, das erlebt man nicht alle Tage. Schließlich feierte am Samstag ein ganz besonderes Event seine Premiere in der Domstadt: die 1. Bamberger Kriminacht. Organisiert und veranstaltet wurde das Mord(s)ereignis von der Buchhandlung Collibri. Als „Tatort“ diente der Gewölbekeller der Brauerei Klosterbräu. Kein Wunder also, dass an diesem Abend neben Blut vor allem auch reichlich Gerstensaft floss und sogar Leichen im Gärbottich auftauchten. Zumindest literarisch.
Denn bei der nahezu dreieinhalbstündigen, komplett ausverkauften Krimi-Lesung war für jede Menge Spannung und Abwechslung gesorgt. Versehen mit einem kräftigen Schuss Lokalkolorit. So lasen die hiesigen Krimi-Autoren und -größen Thomas Kastura, Friederike Schmöe sowie das Schriftstellerduo Stefan Fröhling und Andreas Reuß aus ihren aktuellen Werken. Romane und Erzählungen, denen eines gemeinsam ist: der Handlungsort Bamberg. Und natürlich jede Menge Tote, wie dies im Krimi-Genre nun mal üblich ist. Dementsprechend musste das Publikum auch nicht lange warten, bis die erste Leiche auftauchte. Die hieß Ida Schenk, hatte ein Messer auf recht ungesunde, da letale Weise im Oberkörper stecken und entsprang der Fantasie Friederike Schmöes.
So las die 1967 in Coburg geborene Autorin und Uni-Dozentin Auszüge aus ihrem neuen, atmosphärisch dichten Roman „Fratzenmond“. Für ihre sympathische Privatdetektivin Katinka Palfy der mittlerweile dritte Fall, in dem es die leicht chaotische Ermittlerin mit dem Bamberger Reiter höchst selbst aufnehmen muss. Denn der hat der alten Dame, die Katinka Palfy eigentlich beschützen sollte, ein Küchenmesser des nächtens auf gar unsanfte Art appliziert. Ein Umstand, den Schmöe in ihrer rund 40-minütigen, durchweg gelungenen Rezitation sprachlich gekonnt und nuanciert präsentierte.
Dass nach soviel Spannung und Krimi-Kost eine kulinarische Stärkung zur Beruhigung der Nerven notwendig war, leuchtete auch dem Publikum ein, das sich mit einem Mordsappetit auf das kalte Büffet mit fränkischen Spezialitäten stürzte, und sich selbiges derart rasant einverleibte, dass das Klosterbräu-Personal mehrmals die abgeräumten Delikatessen wieder „aufmunitionieren“ musste. Dass der anschließende, einsetzende Verdauungsprozess die Anwesenden nicht in seligen Schlummer entschwinden ließ, dafür sorgte der Bamberger Romancier Thomas Kastura mit seiner herausragenden Erzählung „Eine Leiche im Gärkeller“. So bot die erste Geschichte um das ungleiche, recht zynische Ermittlerpaar Staatsanwalt Brandeisen und Kommissar Küps neben Nervenkitzel vor allem jede Menge Lacher und wurde vom Publikum begeistert beklatscht.

Beschaulicher,
aber dennoch mörderisch ging es dagegen im dritten und letzten Teil des
Abends zu, bei dem Stefan Fröhling und Andreas Reuß „Bärenzwinger“, den
zweiten Fall ihres ermittelnden Moraltheologen Philipp Laubmann,
vorstellten. Ein klassisches „closed room murder mystery“, bei dem der
Gemeuchelte in einem abgeschlossenen Raum aufgefunden wird. Wie der
gemütliche, aber gewitzte Laubmann mit hobbykriminologischem Spürsinn
dem Täter Schritt für Schritt auf die Spur kommt, das zeigten Fröhling
und Reuß bei ihrer Lesung.
Den Abschluss dieser vielfältigen, sehr abwechslungsreichen,
informativen und unterhaltsamen 1. Bamberger Kriminacht bildete deshalb
logischerweise auch die Auflösung eines Krimirätsels, bei dem Fragen zu
den verschiedenen Romanfiguren und ihren Eigenheiten beantwortet werden
mussten. Angefangen bei der Kalbsleberkässemmel, über den zerrissenen
Rosenkranz bis hin zum Pfefferminztee und Silvaner. Wer Genaueres zu
den Figuren und ihren Vorlieben wissen will, dem sei die Lektüre der
Bamberger Krimiautoren empfohlen. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Lohnens- und sehenswert war an diesem Abend auch das, was zwischen den einzelnen Lesnungen geschah. Denn obwohl ihm als Moderator ursprünglich nur eine eher marginale und ornative Rolle angedacht war, avancierte der Kabarettist Arnd Rühlmann bei der der 1. Bamberger Kriminacht zu einem echten Highlight. So amüsierte er das Publikum im Verlauf des Abends mit seinen Comedy-Einlagen, Zwischenmoderationen und Detektiv-Parodien in wechselnder Kostümierung. Angefangen als Trenchcoat tragender Philip Marlowe-Verschnitt, der von Mafiakillern erzählte, die ihm schon zum Frühstück das Whiskeyglas vollbluteten und der über schicksalhafte Namensverwechslungen sinnierte, die aus einer Katinka Palfy schon mal eine Kalinka Kefir machen, bis hin zu bissigen Bemerkungen als belgischer Hercule Poirot, der sich über das Lektorat in Thomas Kasturas Buch „ Eine Leiche im Gärkeller“ lustig macht. Denn schließlich ist auf Seite 5 von einem „Schweinwerfer“ die Rede, der Licht ins Dunkel des Gärkellers bringt. Aber auch als Pater Brown oder Magnum überzeugte Rühlmann, dessen Darbietung das Publikum mit besonders lautem Applaus bedachte.
Musikalisch
umrahmt wurde die Veranstaltung zusätzlich von der Cellistin Birgit
Förstner, die mit ihrem Instrument neben der „James Bond-Titelmelodie“
unter anderem auch das „Miss Marple“-Theme und den „Pink Panter“
intonierte und somit für eine gelungene akustische Abwechslung zwischen
den Rezitationsphasen sorgte.
Insgesamt war die 1. Bamberger Kriminacht eine mordsmäßig gelungene
Veranstaltung, die unbedingt wiederholt werden sollte. Aber das dürfte
so sicher sein wie die nächsten Leichen aus der Feder von Schmöe,
Kastura, Fröhling und Reuß.
Weitere Infos gibt es im Internet unter www.bamberger-kriminacht.de
.
Frank Gundermann, 05. 04. 2006